Wachtberger Kulturpreisträger als Botschafter der Mitmenschlichkeit

Wachtberg, den 20. November 2015 - Zu einem unterhaltsamen Potpourri schmissiger, aber auch kontemplativer sowie volkstümlicher Musik, eindrucksvoller Theaterszenen und nachdenklicher wie auch launiger Reden geriet die Verleihung des Wachtberger Kulturpreises 2015 (Donnerstag, den 19. November) in der Berkumer Aula durch den Förderverein für Kunst und Kultur in Wachtberg (KuKiWa). Den Preis in Gestalt einer Silbermünze mit dem Porträt des aus dem Ort Holzem stammenden größten Künstlers der Gemeinde, des einst weltberühmten Barock-Tenors Anton Raaff, erhielten in Anwesenheit von Bürgermeisterin Renate Offergeld die “Chefin” des Kellertheaters Chateau Pech, Gundula Schroeder, und der jahrzehntelang von „seiner“ Försterei Schönwaldhaus aus agierende Forstmann Norbert Happ, der heute in Pech wohnt. Kein Wunder also, dass der frisch ernannte Wachtberger Ehrenbürger Hans-Dietrich Genscher seinen “Nachbarn” über dem KuKiWa-Vorsitzenden Alfred Schneider seine Glückwünsche mitteilen ließ, da er selbst leider an dem Festakt nicht teilnehmen konnte.

Kultur ist zutiefst menschlich
Aber auch ohne Genscher waren die Themen des früheren Bundesaußenministers an diesem Abend präsent, gab es doch zahlreiche Hinweise der Geehrten wie der sie Ehrenden auf die identitätsbildende wie auch intergrierende Kraft der Kultur und der Kunst in einer Zeit, in der gerade diese Werte zum Ziel mörderischer Aktionen werden. Schneider unterstrich dementsprechend, Kulturschaffung sei zutiefst menschlich und deshalb so verletzlich. Kultur sei immer kreativ, den Menschen zugewandt, das Positive fördernd und allumfassend an alle Menschen jeglicher Nation gleichermaßen gerichtet. Dies zu fördern, sei Ziel der seit mehr als zehn Jahren erfolgreichen Unterstützung der Kulturschaffenden durch den Kulturförderverein und der Verleihung des Kulturpreises: „Wenn wir Kulturschaffende ehren, dann ehren wir die tiefe und besondere Menschlichkeit dieser Persönlichkeiten! Es ist ein großes Anliegen, uns bei Ihnen, liebe Frau Schroeder, und Ihnen, lieber Herr Happ, zu bedanken für Ihre offenen Herzen und offenen Arme, mit denen Sie uns in Ihren ebenso offenen Häusern empfangen, um uns mit Geschenken der ganz besonderen Art zu bereichern! Wachtberg ist durch Ihr Handeln für viele erst zur Heimat geworden.“

Preis für Gundula Schroeder und Norbert Happ
Ohne den beiden Laudatoren vorzugreifen, verlas Schneider dann die beiden Kulturpreis-Urkunden - für Gundula Schroeder: „In Würdigung ihres Engagements als Schauspielerin, Regisseurin und künstlerischer Leiterin des Kellertheaters „Chateau Pech“, das seit vielen Jahren eine große Bereicherung der Wachtberger Kulturlandschaft darstellt. Erfolgreich hat sie Erwachsene, Jugendliche und Kinder in ihr Ensemble aufgenommen. Durch die gemeinsame Arbeit wurden sie zu hervorragenden Darstellern.“ – und für Norbert Happ: „Herr Happ war 37 Jahre Leiter der Försterei von Schönwaldhaus in Villiprott. Mit dem Erntedankfest, das bis heute jährlich hunderte Teilnehmer zum Forsthaus zieht, und dem „Offenen Singen“, mit dem er über drei Jahrzehnte auf Burg Gudenau das deutsche Liedgut pflegte, setzte er wichtige Akzente im Wachtberger Kulturleben. Zudem begeistert er bis heute Menschen jeden Alters für die Natur, unsere Kulturlandschaft und die Geschichte unserer Region.“

28 Inszenierungen in 17 Jahren
Anschließend übernahm die 2. Vorsitzende von KuKiWa, Gabriela Freifrau von Loë, einfühlsam und souverän die Moderation und bat Dr. Dieter von Samson-Himmelstjerna ans Mikrofon, einen treuen Wegbegleiter der Aufführungen des Chateau Pechs und seiner Regisseurin und Hauptdarstellerin, der in den 17 Jahren des Bestehens des Kellertheaters lediglich eine Inszenierung versäumt hat: Dürrenmatts „Physiker“. Der Laudator, der über 30 Jahre für internationale Organisationen weltweit tätig war, beleuchtete zunächst den Werdegang der Künstlerin, die als Schauspielerin und Regisseurin Engagements in Flensburg, Heidelberg, Köln Colorado (USA) hatte, bevor im Beueler TheaterUnerhört mit Kindern und Jugendlichen arbeitete. Zu ihren vielen Talenten zählte er neben dem Schauspiel und der Regiearbeit das Mitwirken in Orchester- und Chor-Ensembles sowie regelmäßige Textarbeiten.

Vom TheaterUnerhört zum Chateau Pech
Nach Pech brachte sie ihren Mann, Traugott Scholz, einen erfahrenen Theaterdirektor mit, und bald war im Keller des Hauses, in dem heute nach jeder Aufführung den Besuchern Rotwein kredenzt wird, das Chateau Pech geboren. In 17 Jahren wurden 28 Inszenierungen gemeistert: den räumlichen Verhältnissen und dem begeistert mitmachenden Ensemble angepasst, vom Drama bis zum amüsierend nachdenklich stimmenden Zeitstück, von Brecht über antike Stoffe, Shakespeare, französischen Klassikern bis hin zum Urfaust, in dem Gundula Schröder einst selbst das Gretchen spielte, und in dem sie an diesem Abend ihre Enkelin unter dem Beifall des Publikums auf die Bühne der Aula brachte. Ihr Wunsch, den Menschen etwas Schönes mitzugeben, erfülle sich in Pech mit jeder Inszenierung neu, dankte der Laudator der sichtlich gerührten Preisträgerin.

Ein reiches Puzzle kulturellen Wirkens
Aus langjähriger Verbundenheit mit Norbert Happ sprach dann Dr. Norbert Kühn, der als Fachbereichsleiter für die regionale Kulturarbeit im Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Leistungen von Norbert Happ zu benennen weiß wie kaum ein anderer. Dr. Kühn nannte ihn unter dem Schmunzeln der Zuhörer „eine Institution“, die jeder kenne, von der jeder gehört aber oder zumindest jemanden kenne, der Norbert Happ kennt. Sein Wirken sei als ein großes Puzzle sichtbar, sei nichts vom Himmel Gefallenes, sondern das Resultat eines sich unermüdlichen Einsetzens entlang eines fest umgrenzten, dabei keineswegs abgeschlossenen Verständnisses von Heimat als von Menschen gefüllter Raum. In der Berufung zum Förster am Kottenforst, was mehr noch als ein Stand als ein Beruf zu sehen sei, identifizierte Dr. Kühn den Schlüssel zu Happs Engagement „mit Leib und Seele“.

Am Anfang die Rettung von Schönwaldhaus
„In einem musischen und kulturell interessierten Elternhaus im Oberbergischen aufgewachsen, kamst Du 1966 nach Schönwaldhaus in Villiprott“, erinnerte der Laudator. Da hätten die Wirtschaftsgebäude dieses in die Zeit des Kölner Kurfürsten Clemens August zurückreichenden preußischen Forsthauses vor dem Abriss gestanden. Mit Hilfe des damaligen Landeskonservators Prof. Borchers, genannt Schilling sei es gelungen, das Ensemble unter Schutz zu stellen. Es wurde gerettet, saniert und zum forstlichen wie kulturellen Mittelpunkt des Ortes, in dessen Umfassungsmauer zahlreiche ehrwürdige Steinkreuze aufgenommen wurden, die verloren zu gehen drohten. Dort habe Happ das Erntedankfest ins Leben gerufen, das seither Jahr für Jahr Hunderte Menschen anzieht und von einer engagierten Dorfgemeinschaft mitgetragen wird.

2000 Jahre Geschichte lebendig machen
In seinem Kulturschaffen „durchdringen sich der Kottenforst, Villip und Villprott“, so Dr. Kühn, „sie bildeten eine große Einheit und bergen eine mehr als 2000jährige Geschichte“. Dies zu erschließen, lebendig zu erhalten und den Menschen nahezubringen, hast Du Dir zu Deiner ureigenen Aufgabe gemacht.“ Dazu gehöre auch die Pflege des deutschen Liedguts, der er in drei Jahrzehnten beim Offenen Singen auf Burg Gudenau Raum gegeben habe. Nicht nebenbei, sondern ein weiteres Puzzleteilchen seines Wirkens seien die Jahre, in den Happ beim Behindertenverein in Berkum den Nikolaus gespielt habe, das Happ aus seiner Heimat Waldbröl mitgebracht habe und auch auf diesem Feld die Menschen berührt.

Nathan des Weisen Botschaft
Nach der Überreichung der Raaff-Medaillen und der Urkunden dankten die Preisträger auf sehr persönliche Art. Gundela Schroeder stellte dabei die Unterstützung durch ihren Mann und ihr Ensemble in den Vordergrund, betonte das Zusammenwirken des Teams von Chateau Pech, die Souffleusen und die Techniker eingeschlossen, richtete herzliche Worte an „ihr“ Publikum und versprach, nach dem krankheitsbedingten Abbruch der aktuellen Produktion des „Nathan des Weisen“, dessen Botschaft von Toleranz und Mitmenschlichkeit aktueller denn je sei, im Frühjahr ein neues Stück zu beginnen.
Zu einem kurzweiligen Ausflug in die Segnungen der deutschen Sprache nutzte Norbert Happ seine Dankesworte, die er mit einer kleinen Hommage an die Mitpreisträgerin begann, die er kaum gekannt habe, und mit der er jetzt in einem Boot sitze: „Und die Bootsfahrt gefällt mir.“ Den Preis habe im Übrigen er zum geringsten Teil verdient. Bei allem, was er an- und ausgerichtet habe, sei es seine Frau gewesen, die ihm nicht nur den Rücken freigehalten, sondern auch im ständigen Gespräch weitergebracht habe, gleich ob bei seinen Konzertmoderationen wie beim Offenen Singen, beim Bonner Jägerchor oder beim Schubertchor.

Musik öffnet die Herzen
Musik öffne den Menschen die Herzen, so Happ. „Im täglichen Leben ist das ähnlich. Einmal am Tag einem Menschen die Vorfahrt, den Vortritt lassen oder ihn zum Lachen zu bringen, ist Tagesgewinn. Man macht sich sein Klima selbst, sei dabei wie beim Kulturschaffen im besten Sinne egoistisch, denn immer bekäme man etwas zurück, „und das heute Abend in einer sehr hohen Dosis“.
Freundlichkeit, das gute Wort – auch in Mundart – schlügen die Brücken zum Mitmenschen. So fremd ihm seine geliebte Jugendheimat geworden sei, in der einst Wilhelm von Zuggalmaglio das Lied „Kein schöner Land in unserer Zeit“ geschrieben hatte, in ihrer baulichen Verunstaltung, so habe er den Dreiklang am Kottenforst schätzen gelernt, gebildet aus dem Röhren des Damhirsches, dem Schreien der Kraniche und dem Rasseln des Kinderkarussells der Villiper Kirmes.

Happs Credo: Die Wurzeln pflegen
Bei aller Liebe zum deutschen Liedgut und unserer Sprache, und das war Happ wichtig, könnten wir uns der multikulturellen Gesellschaft nicht verschließen. „Das wäre welt- und zeitfremd, gerade in der heutigen Zeit.“ Nur dürfe man die Wurzeln nicht vernachlässigen: „Je mehr wir sie pflegen, desto besser wird unser Volks- und Lebensbaum das Aufpfropfen fremder Zweige verkraften, und er wird es ertragen müssen, so oder so“ lautete das abschließende Credo des Preisträgers, der schon zu Beginn des Abends vom Bläsercorps der Jägerschaft Remagen waidmännisch geehrt worden war.

Anspruchsvoll: Musik- und Theaterbeiträge
Musikalisch anspruchsvoll gestaltet wurde der Abend unter großem Beifall von den Mitgliedern der vereint spielenden beiden Wachtberger Jugend- und Erwachsenen-Orchester unter Leitung von Hans Werner Meurer (Mozart Ouvertüre „Der Schauspieldirektor“, Florentiner Marsch) den Jugendlichen des Klarinettenquartetts (Divertimenti von Haydn). Mit einer besonderen Darbietung deutscher Lieder trugen der Preisträger und seine drei Vettern unter Leitung von Marcus Willems als „Spurkenbach-Quartett“ zum Festakt bei. Und das Ensemble des Chateau Pech fesselte die Besucher mit zwei Auszügen aus dem Urfaust von J.W. Goethe und einem Auszug aus „Pygmalion“ von G. B. Shaw, und das unter der Leitung von Gundula Schroeder. Nach dem Festakt ging es dann „in Sachen Kultur“ hoch her bei einem Umtrunk im Foyer der Aula –ein weiteres sichtbares Zeichen wie lebendig die Wachtberger Kulturszene ist.