Festakt 2017

Wachtberger Kulturpreisverleihung 2017:
Leidenschaftliche Musik, ernste Gedanken und glückliche Gesichter

Die Freude an der rundum gelungenen Feier zur Verleihung des Wachtberger Kulturpreises stand den rund 350 Teilnehmern ins Gesicht geschrieben, als sie nach fast zwei Stunden aus der Aula des Berkumer Schulzentrums ins Foyer strömten, wo sie die bunte Palette inspirierender Getränke, perfekt vom Orga-Team um Heiner Pilger vorbereitet, sichtlich gut gelaunt in zahllosen Gesprächen zur „kulturellen Szenebildung“ nutzten. Mit Maria und Dr. Hans-Dieter Böhm sowie Angela und Hans Thelen als Preisträger inmitten quirliger Gruppen von Freunden und Mitstreitern in lebhaften Diskussionen und Umarmungen. Und mit der Erinnerung an Professor Dr. Dr. Harald Uhl und sein vielfältiges Lebenswerk, dessen Witwe Brigitte Uhl die Ehrung posthum für ihren in diesem Jahr verstorbenen Gatten entgegen genommen hatte.

Um all' denen, die an diesem Abend nicht dabei sein konnten, einen Eindruck zu geben, wie im Wechselspiel von Reden, musikalischen Darbietungen, Video-Einspieler und wieder Reden und Dankesreden einander ablösten, sei an dieser Stelle das Bild einer Fest-Stimmung aufgerufen, einer Stimmung, wie sie für die Preisverleihung von „Kukiwa“ so typisch ist - und doch jedes Mal wieder so ganz individuell, gerade so, wie es die Preisträger, Gratulanten und die begleitenden Künstler eben mit sich bringen. Unter der Moderation der 2. Vorsitzenden, Gabriela Freifrau von Loë, die nach der herzlichen Begrüßung der Gäste durch den Vorsitzenden Alfred Schneider kurzweilig durch den Abend führte, gelang ein weiteres Mal diese Verknüpfung von der Leichtigkeit und Emotionalität der eingestreuten musikalischen Perlen zwischen heimischen Tönen (und Texten) der „Bläckföös etc.“, zwischen barocker Klarheit und der drängenden Leidenschaft eines Astor Piazzolla. So wurde die Musik zu mehr als zu einem Rahmenprogramm, die Musiker von starkem Beifall des Publikums, darunter Bürgermeisterin Renate Offergeld, Barbara Genscher und der Landtagsabgeordnete Oliver Krauß sowie viele andere im Ehrenamt engagierten Mitbürgern, „belohnt“.
Als gemeinsamer Nenner dessen, für das die Preisträger 2013 ausgezeichnet wurden, zeigten sich sehr schnell die bei ihnen jeweils auf unterschiedlichen Ansätzen fußenden, sprachlich vielleicht ein wenig sperrig daherkommenden Begriffe der „Identitätsstiftung“ und der „Identitätsfindung“. Was angesichts der Globalisierung weltweit Politik in vielen Nationen antreibt und auch hierzulande bis zu Abgrenzungsexzessen führt, kann vor Ort eine kleine, überaus verträgliche Wurzel haben, schaut man sich an, womit sich die diesjährigen Preisträger verdient gemacht haben.

Preisverleihung an Professor Dr.Dr. Harald Uhl - posthum

Erstmals wurde in diesem Jahr die Anton-Raaff-Medaille als Verkörperung des Wachtberger Kulturpreises posthum verliehen: an Professor Dr. Dr. Harald Uhl „in Würdigung seiner hohen fachlichen wie menschlichen Qualitäten und seines nie ermüdenden Einsatzes zur Kultur des bewussten Miteinanders in Wachtberg, sowie seiner leitenden Mitwirkung im Ökumenischen Arbeitskreis und der geschichtlichen Aufarbeitung jüdischen Lebens in Wachtberg“, wie es in der Urkunde heißt. Dr. Barbara Hausmanns, in ihrer regionalhistorischen Arbeit wie auch als Direktorin der Volkshochschule Voreifel dem Verstorbenen vielfältig verbunden, stellte ihre Laudatio unter das von Professor Uhl gern zitierte Wort des österreichischen Lyrikers, Essayisten und Landsmanns Uhl, Erich Fried: „Ich will mich erinnern an alles, was man vergisst“. Mit diesem Satz begann er oft das Progrom-Gedenken zum 9. November, das er Jahr für Jahr an der Mehlemer Synagoge abhielt. Sich erinnern, „um das Vergangene nicht zu vergessen, aber auch um mit dem Gedenken die Gegenwart zu gestalten“, war Harald Uhl ein besonderes Anliegen. Er, der er einen großen Teil seiner lokalhistorischen Arbeit dem „Jüdischen Leben“ in unserer Region widmete, wollte die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis wach halten und zugleich fast 2000 Jahre jüdischer Kultur im Rheinland wieder lebendig werden lassen, wie Dr. Hausmanns betonte. Zu dieser Haltung passe, dass er sich als Mitglied des Ökumenischen Arbeitskreises, den er gemeinsam mit Kurt Zimmermann über Jahrzehnte leitete, konsequent für Geflüchtete einsetzte. Als Jurist wusste er um die Bedeutung des Rechts, nutzte sein Wissen, um denen zu ihrem Recht in der neuen Heimat zu verhelfen, das sie in der alten verloren hatten. Dazu gehörte auch, dass der Träger des Rheinland-Talers (von 2007) bei aller stilistischen Brillanz bei seinen Essays großen Wert darauf legte, bei aller Bereitschaft zum offenen Diskurs die „Deutungshoheit“ nicht zu verlieren: „Ich erinnere heute an Harald Uhl, den wir nicht vergessen werden als einen besonderen Menschen, der unser Gemeinwesen Wachtberg über Jahrzehnte mitgestaltet und geprägt hat. Ein Mann mit Charakter, der durch penible Quellenarbeit zu unserer Lokalgeschichte geforscht und seine Erkenntnisse in gut geschriebene Aufsätze gekleidet hat. Seine Arbeit war Sinn stiftend und prägend für unsere kulturelle Identität. Er hat an vieles erinnert, was sonst vielleicht vergessen worden wäre.“ In ihren Dankesworten ließ Brigitte Uhl ihren Mann mit seinem quasi als Vermächtnis zu lesenden Vorwort zur 50-Jahr-Feier des Heimatvereins Niederbachem zu Wort kommen, unter anderem mit dem Appell, dass sich Neuankömmlinge ihre neue Heimat auch erarbeiten müssten. Sie zeigte sich im Übrigen glücklich, dass Barbara Hausmanns das Gedenken an der Synagoge und am jüdischen Friedhof in Mehlem fortführe.

Preisverleihung an Angela und Hans Thelen
In den großen Rahmen der in Wachtberg seit Jahrzehnten gleich von mehreren Heimat- und Geschichtsvereinen betriebenen Forschungs- und Erinnerungsarbeit stellte der frühere Wachtberger Bürgermeister und langjährige Kukiwa-Vorsitzende Hans Jürgen Döring seine Würdigung des Engagements von Angela und Hans Thelen im Niederbachemer Heimatverein, insbesondere bei dem Projekt des „Kleinen Museums“ unter dem Dach der alten Schule in Niederbachem. In launigen Worten beschrieb Döring die vielfältigen, bis in den Partnerschaftsverein hineinreichenden Aktivitäten des Ehepaars „mit den Freunden in La Villedieu du Clain“ aber auch im kommunalpolitischen Raum. Konzentriert auf die Museumsarbeit zitierte er aus der Urkunde zum Kulturpreis: „in Würdigung der kreativen Einrichtung und engagierten Pflege des „Kleinen Museums“ in Niederbachem, das sie im Laufe der Jahre zu einer kulturellen Sehenswürdigkeit erweitert haben mit vielen Exponaten zu Ereignissen, Brauchtum und Vergangenheit unserer Heimat“.
Die dort versammelten Dokumente und Ausstellungstücke seien „so etwas wie das Gedächtnis Niederbachems“ und damit „identitätsstiftend“ wie im Übrigen auch die Arbeit der anderen Heimatvereine. Zusammen hätten sie die in den seit 60 Jahren erfolgenden, signifikanten Veränderungen der Wachtberger Welt – „aus 13 jahrhundertealten ehrwürdigen Dörfern mit ursprünglich rund 7.000 Einwohnern wurden Wohlfühl-Wohnorte für inzwischen mehr als 20.000 Menschen“ – begleitet. „Neubürger aus allen Himmelsrichtungen“, die ihre Erwartungen mitbrachten und auf uralte, gewachsene Strukturen und Traditionen trafen“, hätten sich so für Geschichte und das Wesen unserer alten Dörfer interessieren lassen und für ein gutes Miteinander zwischen Alt- und Neubürgern gesorgt. Glanzstücke dieser Arbeit in Niederbachem seien u.a. die 1200-Jahrfeier, die regelmäßige Dorfverschönerung, heimatkundliche Publikationen, Führungen und Vorträgen und eben „die Einrichtung eines eigenen kleinen heimatkundlichen Museums“ – heute mit Funden aus römischer und karolingischer Zeit und weiteren Themen, die, wie ein von Thelen anschließend gezeigter Film darlegte, bis hin in die Geschichte der verheerenden, schon vor Jahrhunderten vorkommenden Bachüberschwemmungen. Dörings gute Wünsche galten der Findung eines größeren Domizils und einer pädagogischen Auffrischung der Sammlung, die eine derartige Würdigung verdient hätten. Was „unter dem Dach“ zu sehen ist, zeigte Thelen dann in einem Video, bei dem er selbst die Führung übernommen hatte.

Preisverleihung an Maria und Dr. Hans-Dieter Böhm
Ganz auf ein Thema konzentriert haben sich die Preisträger aus Klein-Villip, Maria und Dr. Hans-Dieter Böhm – und das bis heute. Mit der Wiedererrichtung eines vor Jahrhunderten in der Feldflur am Rande des Weilers Klein-Villip erbauten und in den 1960er Jahren abgerissenen kleinen Gotteshauses hatte das Ehepaar mit einer großen Schar Gleichgesinnter Verlorenes wieder gewonnen. Oder, mit den Worten von Dr. Norbert Kühn, der der Regionalgeschichte über Jahrzehnte als Geschäftsführer des Rheinischen Vereins und zuletzt als Fachbereichsleiter für die regionale Kulturarbeit im Landschaftsverband Rheinland (JVR) verpflichtet war: „Sie haben die Kirche zurück ins Dorf geholt“. In der Begründung der Zuerkennung für den Kulturpreis liest sich das so: „In Würdigung ihres unermüdlichen Engagements zur Wiederherstellung und Pflege der kleinen Fachwerkkapelle „Maria Himmelskönigin“ in bäuerlich-barocker Baukunst, die der geistlichen und kulturellen Verankerung der Bevölkerung dient.“ Deutlich wurde bei den Worten Kühns, wie auch in der Antwort von Dr. Böhm, dass es eine enorme Anstrengung bis zur Wiedererrichtung dieser Marienkapelle bedeutete. Festlich eingeweiht wurde sie nach vierjähriger Bauzeit am Sonntag, den 22. August 2010, mit einem Ökumenischen Gottesdienst von Oberkirchenrat Jürgen Dembek von der Rheinischen Evangelischen Landeskirche und dem Abt des Klosters Maria Laach, Benedikt Müntnich. Genauso klar sprach Dr. Böhm aber auch die Zukunftsaufgabe an, dieses Kirchlein, „von einem alternden Verein getragen“ zukunftsfest zu machen – ein Appell, der sich über die Zuhörer des Festakts hinaus an ganz Wachtberg richtete. Voller Dankbarkeit erinnerte Dr. Böhm an die vielen Helfer, insbesondere die gestalterische Mithilfe des Kirchenmalers und Restaurators Roland Gassert und die zahlreichen Spender, die die mehr als 65.000 Euro teure Wiedererrichtung erst möglich gemacht hatten.

Einfühlsame und begeisternde musikalische Darbietungen
Unvollständig wäre die Beschreibung dieses Abends ohne die Würdigung des musikalischen Programms, das um die Bühnenpräsens der zwei kleinen Kindern eines Musikerehepaars bereichert wurde, die ihren Eltern fasziniert aus nächster Entfernung zuschauten. Eröffnet wurde der Festakt von den Streichern des Wachtberger Jugend- und Kammerorchesters unter der Leitung von Hans Werner Meurer mit J.S. Bachs Konzert in d-moll für 2 Violinen und Basso continuo sowie dem 1. Satz Vivace (Vera Merziger und Katharina Rott). Das Orchester spielte zum Ausklang der Preisverleihung dann Joseph Bodin Boismortiers Sonate für Violoncelli a-moll, 1. Satz, Adagio (Johanna Hindert, Ann-Christin Rosebrock, Lena Meurer, Wilfried Neusel und Beate Küper).
Freuen durften sich die Teilnehmer zudem an den Darbietungen des Borea Barockorchesters (Donika Aliu + Casper Hesprich, Violine; Catherine Rensmann, Cello; Oliver Schwichtenberg, Klavier; Robert Wittbrodt, Gitarre) unter Leitung von Dr. Robert Wittbrodt, das zunächst La Cumparsita von Gerardo Matos Rodríguez vortrug, gefolgt von dem Stück Vuelvo al sur, das Astor Piazzolla 1988 herausbrachte, ferner seine Kompositionen Chiquilin de Bachín (von 1968) und Libertango von 1974. Rheinische Töne schlug zudem der Chor Eintracht Adendorf mit „Bläckföös etc.“ unter Leitung von Alfons Gehlen an.
Verliehen wird der Preis in Gestalt einer silbernen Münze mit dem Porträt des legendären Wachtberger Tenors Anton Raaff (1714-1797) an Kulturschaffende und Kulturwegbereiter „in Würdigung ihres Engagements, das seit vielen Jahren eine große Bereicherung der Wachtberger Kulturlandschaft darstellt“.

(Ulf Hausmanns)

 

Die Fotos auf dieser Seite sind von Klaus Schadow