Historische Ausruferschelle sorgt für Einhaltung des Zeitplans

Rund 50 Kulturinteressierte hatten sich am Morgen des 18.9. auf Einladung des Kulturfördervereins KuKiWa im Sitzungssaal des Rathauses eingefunden, um gleich zu Beginn zu erfahren, dass sie einen anstrengenden Tag vor sich haben würden. Eine historische Ausruferschelle, mit der noch vor 60 Jahren in den Dörfern Bekanntmachungen verkündet wurden, dröhnte gnadenlos, wenn Reiseleiter Hans-Jürgen Döring zum Aufbruch mahnte. Denn ein auf Minuten ausgefeilter Zeitplan war einzuhalten.

Es begann noch relativ gemütlich im Sitzungssaal des Rathauses, wo Bürgermeisterin Renate Offergeld und KuKiWa-Vorsitzender Alfred Schneider die Gäste bei einem Kaffee begrüßten. Marlies Frech gab einen beeindruckenden Überblick über die gerade abgelaufenen 10. Wachtberger Kulturwochen, und schließlich berichtete Dr. Herbert Reichelt über seine Idee, einen bundesweiten Wettbewerb zum Thema „Komische Lyrik“ auszuschreiben. Rund 500 Bewerbungen seien inzwischen eingegangen; für den Januar 2017 seien öffentlich dargestellte Ergebnisse zu erwarten.

Dann schepperte erstmals die Glocke.
Per Bus fuhr die Gruppe zunächst zum Rodderberg, um einiges über Vulkanismus und die historischen Verbindungen des „Ländchens“ zum Drachenfels zu erfahren, bevor im Ließemer Köllenhof die Jazzsängerin Annette Briechle und der Pianist aus der Kurt-Edelhagen-Schule Rolf von Ameln die Bedeutung des Köllenhof als regionales Jazz-Zentrum begeisternd repräsentierten.

Es folgte ein Besuch im Atelier Michael Franke in Gimmersdorf, der mit Verve seine von Mythologien geprägten Arbeiten erläuterte. Eine besondere Überraschung war ein Kurzauftritt der Tochter des Hauses, Anne-Marie Franke (15 Jahre), mit ihrem erstaunlichen, à capella vorgetragenen sängerischen Können.

Wieder ertönte die Glocke, und pünktlich war man im Schulzentrum in Berkum, wo die Studiobühne Wachtberg mit einem starken Ensemble die Gäste hinter die Kulissen führte und überaus deutlich werden ließ, was Theaterarbeit auch organisatorisch bedeutet. Eindrucksvoll war die Idee, die Besucher auf die Bühne hinter den verschlossenen Vorhang zu führen, ihn zu öffnen und die Scheinwerfer zu aktivieren. So erlebten die Besucher das durchaus beklemmende Gefühl der Schauspieler, die zu ihren ersten Sätzen vor das Publikum treten.

Nach einem Mittagsimbiss im neuen Kasino des Schulzentrums, perfekt organisiert von Vorstandsmitglied Heiner Pilger und seiner Frau Marianne, ging's hinauf auf den Wachtberg, wo Paul Caspari in der Rolle des Anfang der 30er Jahre agierenden „Pössemer“ Bürgermeisters Weber (repräsentativ mit Zylinder und Bratenrock) den Wechsel des Ortsnamens von Pissenheim in Werthhoven erläuterte. In heimischem Platt natürlich. Ein überzeugender Auftritt des Mitglieds der Oberbachemer Laienbühne.

Ein Wechselbad der Gefühle beim anschließenden Besuch in der barocken Anton-Raaff-Kapelle in Holzem. Atemlose Stille herrschte, als die Lyrikerin Ursula Contzen aus ihren Werken las, musikalisch wunderbar begleitet von der Oboistin Susanne Scheibling. Es gab etliche Besucher, die ergriffen den kleinen, von dem großen Sänger Anton Raaff Mitte des 18. Jahrhunderts gestifteten Kirchenbau wieder verließen.

Sogar die Ausrufer-Glocke schwieg an dieser Stelle.

Anders als im Hof der Familie Bärbel und Josef Kemp in Villip. Hier herrschte wieder eine ausgelassene Stimmung, als Hans-Werner Meurer eine Orchesterprobe mit Ensemblemitgliedern des Wachtberger Jugendorchesters und des Kammerorchesters präsentierte und seine Dirigentenarbeit launig kommentierte. Josef Kemp, oft Gastgeber bei KuKiWa-Veranstaltungen, lud zu einem Besuch seiner bemerkenswerten Holzobjektkunst-Werkstatt ein.

Natürlich wurden bei der Weiterfahrt der Töpferort Adendorf und seine Historie dargestellt, aber der Zielpunkt dort war die Burg Münchhausen aus dem 9. Jahrhundert. Und hier brillierte KuKiWa-Vorsitzender Alfred Schneider, selbst Architekt, in der Rolle eines mittelalterlichen Baumeisters. Er erzählte fachkundig und humorvoll von den Schwierigkeiten, die im 13. Jahrhundert vorgefundene Bausubstanz im Sumpfgebiet zu einer Wehrburg umzubauen, ein Auftrag des Kölner Kurfürsten. Die Anlage, bei deren Erweiterung Material der alten römischen Wasserleitung verwendet wurde, sollte militärisch in der Lage sein, die nahe Krönungsstraße Frankfurt-Aachen zu beschützen.

Zum letzten Mal dröhnte die Ausrufer-Glocke und man landete schließlich am Windmühlenturm in Fritzdorf.

Hier war es Volker Gütten, der in der Rolle eines gediegenen Fritzdorfer Schreinermeisters herrlich authentisch in schönstem Dialekt von den erstaunlichen Besonderheiten dieses Platzes erzählte: Fundort des goldenen 3.500 Jahre alten Fritzdorfer Bechers, Römische Wachanlage, vorbeilaufende Frankfurt-Aachener Heerstraße, Gerichts-und Galgenplatz der Grafschaft und schließlich Standort der alten Windmühle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der Tag endete mit einem Sektumtrunk und viel Beifall für alle Akteure dieses ereignisreichen Tages, der ein Bild nicht nur der Wachtberger Kulturszene vermitteln sollte, sondern auch einen Einblick in die Geschichte, in geologische Besonderheiten und ebenso in die kommunalpolitischen Entwicklungen, insbesondere nach der kommunalen Neuordnung.